Informationskompetenz in der vernetzten Universität
Seton Hall University Library, South Orange, N.J. und Universitätsbibliothek Bochum
Im Februar/März 2002 habe ich gemeinsam mit Monika Theile im Optionalbereich im Rahmen des an der Ruhr-Universität neu eingerichteten Bachelor-Studiengangs erstmals den Intensivkurs "Informationskompetenz in Zeiten des Internet" unterrichtet. Den zweiwöchigen Intensivkurs besuchten Studierende nach ihrem ersten Semester in den Semesterferien. Die erfolgreiche Teilnahme schloss eine Präsentation ein zu einem selbstgewählten Thema, bei der alle Datenressourcen und Suchstrategien angewendet werden sollten und wurde mit 5 Credit Points belohnt.
Im Mai 2002 stellten die Kolleginnen Beth Bloom und Marta Deyrup von der Seton Hall University Library, South Orange, N.J., auf der LIDA- (Libraries in the Digital Age) Konferenz in Dubrovnik ihr Projekt "Information literacy in the wired university" vor. Grundlage des Projekts ist eine enge Zusammenarbeit der Bibliothek mit den Fakultäten Englisch und Psychologie und mit dem Teaching and Learning Technology Center (TLTC), einer der drei Abteilungen des Universitätsrechenzentrums.
Die
40 Professoren der Seton Hall University, die den für alle Studienanfänger
obligatorischen Kurs English 101 unterrichten, geben den Kolleginnen aus
der Bibliothek Unterrichtszeit, in der sie Grundlagen der Informationskompetenz
vermitteln. Eine vergleichbare Absprache ist mit der Fakultät für Psychologie
getroffen worden. So erreichen die amerikanischen Kolleginnen alle
Studienanfänger; darüber hinaus nutzen die Kolleginnen die Arbeit am
Auskunftsplatz, um das Wissen, das sie im Unterricht vermittelt haben, zu
vertiefen.
Außerdem erstellen die Kolleginnen gemeinsam mit einem Team aus dem TLTC webbasierte Tutorials. Theoretische Grundlage des Projekts ist "Carol Kuhlthau: Seeking Meaning: A Process Approach to Library and Information Services, Norwood, N.J.: Ablex, 1996". Carol Kuhlthau ist Professorin an der Rutgers University, New Brunswick, N.J., und externe Projektberaterin für das Projekt "Informationskompetenz in der vernetzten Universität".
Die
amerikanischen Kolleginnen und ich haben nach einem kurzen Informationsaustausch
gesehen, dass wir an demselben Ziel - the teaching library - arbeiten und
voneinander lernen können. Die Kolleginnen haben mich eingeladen, und der
Kanzler der RUB, Herr G. Möller, ebenso der Studiendekan des Optionalbereichs,
Herr Prof. Dr. M. Tietz, haben die Initiative unterstützt. Ich durfte mich vom
16. - 26.10.2002 in der Seton Hall University Library aufhalten, um über das
Projekt soviel wie möglich zu lernen und mit den amerikanischen Kolleginnen
Ideen auszutauschen. Ich konnte in einem Gästeapartment der Seton Hall
University wohnen; die Kosten wurden aus Mitteln des grants bezahlt.
Seton
Hall Univeristy ist eine katholische Universität mit dem Schwerpunkt auf dem
Undergraduate Program, das zum Grad des Bachelor führt. Der Campus ist gut
vernetzt; von jedem Ort auf dem Campus ist der drahtlose Zugang zum Campusnetz
möglich. Die Studierenden erhalten einen Laptop zu ihrer Verfügung, der nach 2
Jahren ausgetauscht wird. Hierfür zahlen sie eine technology fee, die
auch den technischen Support des Laptops sowie die Druckkosten in der Bibliothek
einschließt. Die Laptops haben wohl die Tendenz, im Laufe des Tages immer
schwerer zu werden. Überall auf dem Campus hängen Schilder mit der Frage: Where
is your Laptop?
Ich
hatte die Möglichkeit, an mehreren Unterrichtseinheiten teilzunehmen. Die
Klassenräume waren alle für Multimedia-Präsentationen ausgestattet, die
Bibliotheksmitarbeiterinnen haben ebenfalls einen Laptop, auf dem sie ihre
Präsentation geladen haben. Der Unterricht war didaktisch auf hohem Niveau, man
merkte, dass die Kolleginnen Lehrerfahrung haben. Mich hat verwundert, dass die
Möglichkeit, einen hands-on-course zu unterrichten, nicht genutzt wurde. Die
Studierenden hatten alle ihren Laptop dabei! Eine Kollegin erklärte, einige
Studierende neigen dazu, e-mails zu bearbeiten, anstatt die Suchstrategien
auszuprobieren. Aber die amerikanischen Studierenden zahlen hohe
Studiengebühren, und sie müssen in dem Kurs Leistungen erbringen, die abgefragt
werden, bevor sie ihre Credit Points bekommen. Wenn sie trotzdem lieber spielen
wollen oder e-mails schreiben, dann ist das ihr Problem.
Am
Ende jeder Lehreinheit boten die Kolleginnen den Studierenden weitere
Zusammenarbeit am Auskunftsplatz in der Bibliothek an. In die Arbeit am
Auskunftsplatz sind alle 12 Bibliothekare der Bibliothek eingeteilt, auch abends
bis 23.00 Uhr und an den Wochenenden. Hier kann das Gelernte eventuell
wiederholt, angewandt und vertieft werden. Ich habe beobachtet: das selbständige
Anwenden des Gelernten ist für viele Studierende doch nicht so einfach, und
Unterstützung bei der Auswahl von und Suche in den zahlreichen Datenbanken war
erforderlich.
Die
web-basierten Tutorials wurden von den Bibliothekarinnen in enger Kooperation
mit den Professoren entworfen und gemeinsam mit den Mitarbeitern des TLTC
umgesetzt. Sie sind z.T. technisch sehr aufwändig, integrieren Videos und
Animationen. Bibliothek und TLTC müssen sehr eng zusammenarbeiten, um ein gutes
Produkt zu erstellen. und es muss ein gutes Produkt sein, damit die Studierenden
es nutzen. Insgesamt ist die Nutzung der Tutorials gut, es ist jedoch erklärtes
Ziel, die Nutzung noch zu intensivieren.
TLTC hat noch den Vertrauensvorschuss einer sehr neuen technologiebetonten Einrichtung. Der Bibliotheksdirektor bemerkte in einem Gespräch, er würde sich wünschen, dass die Professoren mehr Input in die Tutorials geben. Auch in der Seton Hall University scheint es noch möglich zu sein, die Zusammenarbeit zwischen den Fakultäten und der Bibliothek noch mehr zu intensivieren.
Die Kolleginnen und Kollegen der Seton Hall University Library haben in Zusammenarbeit mit den Fakultäten und mit dem TLTC Informationskompetenz in einem Umfang in die Lehre integriert, den wir in Bochum erst noch erreichen müssen. Sie haben die Klassenräume erobert und nutzen den Auskunftsplatz der Bibliothek dazu, um die neue Position zu festigen und zu ergänzen. Sie sind nicht nur gute Lehrkräfte sondern auch Wissenschaftler: Sie werten die Ergebnisse der Aktivitäten der Lehrenden Bibliothek laufend aus. Die Langzeitstudien in "Carol Kuhlthau: Seeking Meaning" liefern hierfür die Methode. Ich hatte die Gelegenheit, an einem Projektgespräch mit Prof. Kuhltau teilzunehmen.
Ich
habe enormen persönlichen Einsatz der Kolleginnen und Kollegen beobachtet: Der
Unterricht fand überwiegend abends statt; Unterricht von 18.00 - 20.00 Uhr war
keine Ausnahme. Dafür geht ein Teil der Projektmittel als Leistungszulage an die
beteiligten Kolleginnen und Kollegen. Wochenenddienst und Spätdienst am
Auskunftsplatz gehören zur Routine. Die Kolleginnen sagen, dass sie es gewohnt
sind, zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten zu arbeiten. Sie versuchen nur
zu vermeiden, 6 Tage ohne Pause zu arbeiten. Wenn sie am Sonnabend oder Sonntag
Dienst haben, nehmen sie einen Tag in der Woche frei, um das Tempo halten zu
können. Das Tempo war ebenfalls beeindruckend: Alle haben stringent gearbeitet;
oft gab es keine Zeit für eine Mittagspause, wir haben während der Besprechung
mitgebrachte Snacks gegessen, und im TLTC standen Snacks bereit. Wir haben viel
Kaffee getrunken, aber dafür keine Pausen eingelegt sondern weitergearbeitet.
Die meisten Kolleginnen und Kollegen an der Seton Hall University Library haben tenure, das heißt, feste Stellen. Für mich ist dies eine weitere Bestätigung meiner Meinung, dass nicht feste Stellen an sich dazu verleiten, darauf einzuschlafen, sondern die Umgebung. Der Mann meiner Kollegin und Freudin Marta Deyrup arbeitet in einem Rechenzentrum, das IT-Dienstleistungen für den Staat New Jersey erbringt. Bis vor kurzem hat er in einer Firma gearbeitet. Er sagt, es sei kein Unterschied in der Motivation, dem Einsatz und dem Tempo der Mitarbeiter in der Firma und in dem staatlichen Rechenzentrum.
Ich sehe aber auch deutlicher als vor der Reise, dass die Möglichkeit der UB
Bochum, einen Intensivkurs für Credit Points zu unterrichten, ganz besondere
Gestaltungsräume öffnet.
Ich schlage vor, dass die UB Bochum im Jahr 2004 ihren Intensivkurs im
Optionalbereich in englischer Sprache anbietet und als joint-taught course
gemeinsam mit einer Kollegin der Seton Hall University unterrichtet.
E. Lapp
